Variationen zum Trieb - "... die Person kann sich ihm nicht durch Flucht entziehen"
Kaum ein Thema seines Denkens hat AnhängerInnen wie GegnerInnen von Sigmund Freuds Psychoanalyse mehr an- und aufgeregt, echauffiert, in Wallung gebracht, angesteckt, verärgert, an-/ab-/weiter-/weggetrieben als sein Konzept des Triebs, seine Trieblehre. Und dies, obwohl - oder weil? - kein anderer Teil seiner Lehre so unbestimmt blieb (wie er selber wusste) und bis heute wohl geblieben ist: "Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, grossartig in ihrer Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen Augenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher, sie scharf zu sehen."
Wohl gerade dieser Doppelcharakter von Unbestimmtheit und Dringlichkeit lässt auch uns heutige Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker nicht los. (Dies wurde im SS 09 auch im Gespräch mit Heinz Müller-Pozzi zu einer aktualisierten Triebtheorie deutlich.) Freud: "...die Person (kann) sich ihm nicht durch Flucht entziehen..."
So auch wir PsychoanalytikerInnen und das PSL nicht! Wir eröffneten im WS 09/10 den neuen mehrsemestrigen Zyklus zum Thema Trieb und versuchen uns auf verschiedenen Wegen ihm anzunähern - mit der Gewissheit, ihn, unser Thema, auch immer wieder zu verpassen, nicht bestimmen und festhalten zu können.
Ein erster Weg wurde von Elfriede Löchel ("Von der Unzerstörbarkeit des Wunsches, der Transformierbarkeit des Triebes und der Endlichkeit des Geschlechts") und unserem Mitglied Yvonne Schoch ("Das Rätsel des Sexuellen: Die Geschlechterspannung in der Analyse") beschritten, die sich dem Thema mit Bezug auf die Geschlechterdifferenz annäherten.
Im März 2010 laden wir Raymond Borens ein, sich auf Lacans Spuren dem Thema anzunähern, der die ideologische Verzerrung des Freudschen Triebbegriffs (als "instinct") entlarvt und seinen "dissidenten Charakter" aufrechtzuerhalten versuchte, indem er Mangel, Begehren, "Barriere" (Gespaltenheit) und Kastration des Subjekts analysierte.
Am 7. Mai 2010 wird Christian Kläui zu Gast bei uns sein. Wir möchten im Gespräch mit ihm anhand seines neuen Buches „Psychoanalytisches Arbeiten“ den Fragen nachgehen, was denn dieses psychoanalytische Arbeiten (oder: uns in unserem psychoanalytischen Arbeiten) immer wieder antreibt – und hemmt; und wie in der Psychoanalyse Trieb und Arbeit zusammengehören – wenn überhaupt?
Angeregt hiervon plant die Seminarleitung für das Wintersemester 10/11 einen "Blick zurück". Wir möchten Sie einladen, in ausgewählte Briefkorrespondenzen von Freud und einigen seiner Schüler und Schülerinnen einzutauchen, unter dem Aspekt, was diese in ihrem psychoanalytischen Arbeiten wohl (vor-/hinter-/an-/weg-) getrieben haben mag.
Und schliesslich wird im WS 10/11 Helmut Dahmer (u.a. Autor von "Libido und Gesellschaft", 1973) einen nochmaligen Blick auf eine wesentlich durch ihn inspirierte kulturkritische Konzeption der Triebstruktur aus heutiger Sicht werfen. Dahmer hatte sich in seiner Auseinandersetzung mit dem Trieb auf eine andere Dissidenz bezogen, nämlich jene der Freudschen Linken, und Freuds scheinbaren Trieb-Biologismus kulturkritisch neu interpretiert.


